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Aus Bergische Blätter 01/2006

Menschen im Bergischen: James Rogers

In der Ordnung liegt die Freiheit

Die Malerei von James Rogers

Rot — hellrot - blau - hellblau oder blau - hellrot - hellblau - rot ...Regelmäßig scheinen die Farb-Folgen in einem wandgroßen Bild von James Rogers — regelmäßig wie geflochtene oder gedruckte Muster sind die Formen der Flecken. Der Eindruck des ersten Blicks wird jedoch sogleich korrigiert: denn unregelmäßig sind die zackenförmigen Aus- und Einbuchtungen der einzelnen Flecken. Dennoch erscheinen sie vom selben Typus. Wie „verwandte" Einzeller bilden sie minutiöse Abweichungen, wirken gleich groß beim flüchtigen Hinschauen, zeigen aber erhebliche Größenunterschiede bei genauer „Durchmusterung" der Fläche. Jedes einzelne Element ist von allen Seiten mit anderen umgeben, keine Zwischenräume entstehen, Flecken sitzt an Flecken, Farbe an Farbe. Diese schwankt nicht in den Helligkeitswerten, ausgewogen ist die Gewichtung in der räumlichen Wirkung: Von Blau zu Rot entwickeln sich jeweils bildräumliche Schwingungen. Zudem heben sich die Rot-Hellrot-Flächen vor den blauen wie Glieder einer Kette ab.
Die gesamte Fläche scheint sich unmerklich wie ein leichtes Tuch zu wölben. Richtungsströme scheinen die Anordnung der Flächen-Elemente zu leiten, bilden lockere Spiralenfragmente,weite, sich konvex-konkav krümmende Bogenformen. Erinnerungen an die Ausrichtung von Spänen in Magnetfeldern entstehen, an die Bilder von Energieströmen. Geordnet ist die Architektur dieses Bildes und doch verschlossen. Wir nehmen Regeln wahr und können sie doch nicht benennen;wir bemerken die Gesetze einer Rhythmik von Farben und Formen und können uns doch nicht sicher fühlen. Von den Bildrändern überschnitten scheinen sich ihre gegliederten Felder jenseits des Bildausschnitts fortzusetzen und doch wirken Bildgröße und Flächenstruktur in sich ausgewogen und fertig.

Auf anderen Bildern schwimmen helle, wie von lichten Schatten gebildete Formen vor dunkleren Farbgründen, auch sie einer fühlbaren Gesetzmäßigkeit unterworfen, deren Regeln dem Betrachter jedoch entzogen bleiben.

James Rogers erschafft in seinen Bildflächen eine konkret sichtbare Welt, die in ihrer Regelmäßigkeit zugleich die Unsicherheit unserer Wahrnehmung erfahrbar macht. Die Formen seiner Bildelemente, die sich wie veränderliche Module eines selben Typus verhalten, ähneln biologischen Wachstumsformen. Ihre Einfärbung, obwohl gemalt, wirkt wie von Normen vorgegeben.

In einer anderen Bildserie entwickelt Rogers in höchster Genauigkeit die mathematisch berechneten Folgen von Bildpunkten in präzisen Reihen; ihre Farben werden jedoch von feinsten malerischen Abweichungen wie in den Übergängen spektraler Farben voneinander unterschieden. Berechnung und freie, malerische Entwicklung gehen in diesen Bildern eine neuartige Verbindung ein, ohne das strenge Raster der Punkt-Verteilung zu verlassen. Das Geheimnis der Formel, nach der sie sich in gleich bleibender Distanz verändern und wiederholen, verrät der Maler nicht. Aber mit einem quadratischen Rahmen entnimmt er aus einer eckigen, schneckenförmig sich von innen nach außen entwickelnden Anordnung von Farb-Punkten ein Flächenstück. Von dieser jeweils gefundenen Verteilung baut er seine Reihen nach den selbst festgelegten Regeln auf. Der dicke weiße Zeichenpapierbogen, die leuchtende Farbigkeit und die genaue Präzision der Kreis-Standorte lassen den erdachten, errechneten und geplanten Bildaufbau zu reiner, sichtbarer Materie werden. Rogers Bilder werden so zu Dokumentationen eines regelmäßigen und kontinuierlichen Bild-Aufbaus in der Zeit. Die Bilder sind so konkret wie sie erscheinen, sie meinen nichts anderes als die Sichtbarmachung ihrer Gesetzmäßigkeit und die Freiheit des Malers innerhalb seiner Regeln - und gerade in dieser Ein-Sichtigkeit öffnet sich die Magie des Kunstwerks.

James Rogers hat sein Atelier in der- Wichlinghauser Kunstfabrik. Er wurde 1935 in Whitechapel, London, geboren und studierte an der St. Martins School of Art in London, an der University of Leicester und war als Dozent an der Wimbledon School ofArt tätig, später als Associate Director der Londoner Lisson Gallery Von 1988 bis 2000 arbeitete er im Wuppertaler Atelier des prominenten Bildhauers Tony Cragg und knüpfte damit an eine Erfahrung mit unserer Region aus den 1950er Jahren an. Als junger Soldat der Britischen Armee hatte er Wuppertal kennen gelernt.„Damals bekam ich einen Eindruck von der erstaunlichen historischen und industriellen Bedeutung dieser vielschichtigen Stadt," sagt der Künstler. Er erinnert sich an die Besuche in dem Jazz Club der „Boheme" am Alter Markt in Barmen. „Nach und nach gewannen die Eindrücke, die ich während meines früheren Aufenthalts gewonnen hatte, wieder an Präsenz. Es war, als ob die verschieden gefärbten Garne, die aus so vielen Richtungen kamen, an einem Platz zusammengeführt und verwoben würden zu einem fantastischen und komplexen Emblem." Komplexe Embleme aus Formen, Farben und Folge-Gesetzen sind auch seine Bilder, die in minutiöser, langsamer und kontinuierlicher Arbeit hier in Wuppertal entstehen.

Gisela Schmoeckel